Kritisch und
hintergründig
Stationen des Temperaments
und der Gefühle
Osnabrück. Sie sind Wegemarken, Stationen der Begegnung, Orte des Wiedersehens und des Abschieds, Treffpunkte eben, für Menschen, Charaktere und Stimmungen, für Gefühle und Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen: Bushaltestellen. So jedenfalls, als ganz und gar nicht profane Plätze des Personennahverkehrs - und manchmal eben doch - sieht sie Gregor Zöllig, der Leiter des Osnabrücker Tanztheaters. Für sein neues Stück "Bus-Station" hat er eine solche Bushaltestelle als Motiv gewählt.
Premiere hatte die jüngste Uraufführung der Osnabrücker Tanzcompagnie am 26. November. Es waren gleich zwei neue Stücke, die das Premierenpublikum im emma-theater erwarteten. Vor Zölligs "Bus-Station" gab es mit "Bus Stop" das choreographische Debüt des Tänzers Andreas J. Etter zu sehen, eine rasante "Performance" für fünf Tänzerinnen und Tänzer.
Zwei Stücke also sind es - und zwei völlig verschiedene Sichten der Welt. Etter schickt in "Bus Stop" zu Musik der Osnabrücker Gruppe "Elektrotwist" fünf Busfahrer auf eine wilde Zeitreise zurück in die 50er und 60er Jahre. Die Tänzer Agnieszka Dlugosszewka, Brigitte Uray, Nicola Winstanley, Angelo Larosa und Andreas Leertouwer sorgen dabei selbst für den Rhythmus der Performance, indem sie Schallplatten auflegen, dann wieder die Musik unterbrechen, sich - scheinbar - gegenseitig stören, gleichzeitig um die musikalische und tänzerische Vorherrschaft kämpfen.
Am Rande der leeren, ungewohnt langgezogenen Fläche des emma-theaters - das Publikum sitzt in wenigen Reihen entlang des Geschehens - rollen Videowiedergaben rasender Räder, und über allem thront eine Marionette, den Kopf nach hinten gedreht, einen monotonen Monolog rezitierend. In dieser Atmosphäre "kämpfen" die Tänzer förmlich ums Überleben, wollen sich gegenseitig überbieten, und agieren selbst in tänzerischer Harmonie noch gegeneinander - und das in rasantem Tempo und mit schier unglaublichen Bewegungen.
Getriebene und Treibende sind Etters Busfahrer, Handelnde und Reagierende - und dabei stets selbstverliebt, den eigenen Vorteil suchend und rücksichtslos den anderen ausstechend, selbst wenn es der eigene Partner ist. Eine beklemmende Vision ist es, in die der junge Schweizer das Publikum in seinem Debüt mitnimmt - aber es bleibt eine Vision. Am Ende der Zeitreise werden die Busfahrer wieder zu Busfahrern, der Marionette wird der Kopf zurechtgerückt. Was bleibt, ist der Eindruck eines schwindelerregenden Tanzes am Abgrund menschlicher Psyche.
Ganz anders Gregor Zölligs "Bus-Station". Für den Tanztheaterchef ist der Busbahnhof nicht Ausgangspunkt einer atemberaubenden Hetzjagd, sondern Ort der Kristallisation von Gefühlen, der Begegnung von Menschen und Charakteren. Hier, an den Absperrungen des Bussteigs, treffen sie alle irgendwann ein, der Businessman, stets gehetzt und auf der Suche nach Erfolg, oder die frustrierte, fast verhärmte Hausfrau im Morgenmantel, die selbstvergessen ein Lied summt.
Ein Pärchen nutzt den Busbahnhof zur gegenseitigen, neckisch flirtenden "Anmache" (mit Erfolg), eine Jugendgang, zwei "Girlies" und ein "Halbstarker" mischen den Gummibahnhof ein wenig auf (aber wirklich nur ein wenig). Und dann wartet auch noch ein schüchternes, etwas "spätes" Mädchen auf sein Rendezvous: Soll es die Brille aufsetzen oder nicht? Um Himmels willen, ein Fleck auf dem Kleid! Und überhaupt: "Ich bin immer zu früh."
Zwischendurch jagen sich die Tänzer - neben den bereits erwähnten jetzt auch Claudia Braubach, Constance Lüttich, Amelia Poveda, Mikko Jairi und Andreas Ströbl - gegenseitig spielerisch über den Bussteig, lassen sich auf kleine und große Kämpfe ein und spielen doch nur eins: das Leben, das sich in diesem Mikrokosmos voll entfaltet, genau da, wo gleich die Linie 1 einfahren wird.
Gefühle will er mit tänzerischen Mitteln darstellen, so beschreibt Gregor Zöllig seinen künstlerischen Anspruch. Mit "Bus-Station" gelingt ihm und seiner Compagnie das mit viel Temperament, atemberaubender Dynamik, zuweilen anrührend, stets aber mit Humor und mehr als nur einem Augenzwinkern. Aber es gelingt ihm noch einiges mehr: Fast cineastisch mutet "Bus-Station" an, erzählt viele kleine Geschichten in einem filmreifen Rahmen und nimmt das Publikum mit in die bunte Vielfalt der menschlichen Gefühlswelt. So mancher Zuschauer mag Facetten seiner eigenen Persönlichkeit wiedererkannt haben, und so hält Zöllig mit seiner "Bus-Station" dem Publikum auch einen Spiegel vor, der ein durchaus kritisches, dabei aber immer freundlich-augenzwinkerndes Bild zeichnet.
Entsprechend bunt und überwiegend freundlich ist auch die Musik. Flotte, fröhliche Bluegrass-Stücke mit zuweilen cajun-artigem Einschlag wechseln mit rockigen Passagen und sanften Chansons. Das alles paart sich mit den Farben der Kostüme (die Ausstattung besorgte Jan Bammes), der Ausdrucksstärke des Ensembles und der sensiblen Erzählweise zu einem Hochgenuß für Gefühl und Verstand.
"Schön war's", lautete das kurze Fazit einer Zuschauerin, nachdem der begeisterte Schlußapplaus verklungen war. Auch wenn es banal klingt: treffender kann man es kaum zusammenfassen. Schön war's wirklich - und dennoch unendlich viel mehr. Empfehlung: Unbedingt ansehen.